07. Februar 2017

Lokal ansetzen: Beispiele für erfolgreiche zivile Konfliktbearbeitung aus der Praxis

von Thomas Rößer

Entwicklungszusammenarbeit , Naher Osten & Nordafrika , Friedensförderung, Politikkohärenz

Wer frühzeitig und langfristig in zivile Konfliktbearbeitung und Friedensförderung investieren möchte, sollte sich an lokalen Anforderungen ausrichten und flexibel an veränderte Bedingungen vor Ort anpassen können. Das zeigen drei Projektbeispiele des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) im Libanon, Äthiopien und Palästina.

Konflikte werden immer weniger durch militärische Mittel entschieden – nicht in Kolumbien, Afghanistan, der Ukraine oder in Nordirland. Die Langzeitwirkungen von Gewaltkonflikten sind dagegen fatal: Traumatisierung und zerstörtes Vertrauen in der Gesellschaft, gehemmte Entwicklungsmöglichkeiten und enorme Ressourcen, die für einen Wiederaufbau bereitgestellt werden müssen. Einer gewaltsamen Konflikteskalation vorzubeugen muss deshalb Vorrang haben, wie auch Kathrin Vogler und Ursula Schröder auf diesem Blog unterstreichen. Ein zentrales Instrument der deutschen Politik hierfür ist die zivile Konfliktbearbeitung.

Zivile Konfliktbearbeitung für eine gewaltfreie Transformation von Konflikten

Die Entwicklungszusammenarbeit ist nicht immer konfliktsensibel ausgerichtet. Eine Beendigung könnte allerdings vielerorts zu einer Eskalation führen. Nach massiven Gewaltkonflikten ist das social fabric erheblich beschädigt oder zerstört und es braucht Generationen, um wieder Vertrauen in der Gesellschaft aufzubauen. Außerdem brechen in post-Konfliktsituationen häufig Gewaltkonflikte erneut aus, sodass die Vermeidung von Gewalt – nicht Konflikten – höchste Priorität haben sollte. Dass auf nationaler Ebene geschlossene Friedensabkommen Gewaltkonflikte oftmals nicht dauerhaft beenden können, zeigt, dass es einen breiteren gesellschaftlichen Konsens geben muss, um Frieden abzusichern. Dafür setzt sich die zivile Konfliktbearbeitung ein. Deren Anliegen ist es, Akteure in die Lage zu bringen, selbst ihre Konflikte gewaltfrei einer Lösung zuzuführen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den Akteuren, die als Mittler fungieren und sowohl zu nationalen Eliten Kontakte pflegen, als auch breitere gesellschaftliche Kreise ansprechen können. Zivile Konfliktbearbeitung und Entwicklungszusammenarbeit unterscheiden sich in der Bearbeitung des Gegenstandes. Eine konfliktsensibel ausgerichtete Entwicklungszusammenarbeit vermeidet die Verschärfung von Konflikten, Maßnahmen der zivilen Konfliktbearbeitung richten sich an die gewaltfreie Transformation von Konflikten. Drei Beispiele aus meiner Zeit beim ZFD zeigen, wie Krisenprävention durch zivile Konfliktbearbeitung funktionieren kann.

Libanon: Kommunen und Flüchtlinge an einen Tisch bringen

Mit der Ankunft von Flüchtlingen aus Syrien verdoppelte sich in manchen Kommunen im Libanon die Anzahl der Bewohner. Mit dem Anstieg von Preisen für Wohnraum und Lebensmittel und der Zunahme der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verschlechterten sich die Lebensbedingungen der ansässigen Bevölkerung und gaben Vorurteilen und Stereotypen Auftrieb, die auch in Wut und Gewalt gegen Flüchtlinge umschlug. Ein zunächst loser Zusammenschluss von Flüchtlingen in Lagern sollte die Anliegen der Flüchtlinge vertreten. Dem ZFD gelang es mit Hilfe der libanesischen Organisation LOST, an mehreren lokalen Standorten Vertreter der Kommunen und Flüchtlinge an einen Tisch zu bringen. Nach ersten eher feindselig ablaufenden Treffen führten sie Monate später mehrfach gemeinsame Projekte durch, um die Situation zu verbessern. Nicht die Aktionen zur Verbesserung der Lage waren das primäre Ziel, sondern ein Vertrauen aufzubauen und Verfahren einzuüben, um zukünftige Konflikte gewaltfrei bearbeiten zu können.

Äthiopien: Gemeinsam Radio hören für den Frieden

In Äthiopien erkennt das Parlament über 80 ethnische Gruppen an, deren Zusammenleben bei weitem nicht gewaltfrei ist und auch die nationale territoriale Integrität in Frage stellt. Die Anfrage einer kleinen Nichtregierungsorganisation an den ZFD, ein Friedensradio einzurichten, schien dafür etwas zu ambitioniert. In monatelangen Verhandlungen gelang es jedoch, ein Multi-Akteurs-Konsortium zusammen zu bringen, das aus internationalen und lokalen Nichtregierungsorganisationen sowie Regionalparlamenten bestand. Nachdem in mehreren Kommunen erstmals Hörergruppen eingerichtet wurden, dauerte es wenige Monate, bis sich Hörergruppen aus angefeindeten Kommunen die Radiosendungen gemeinsam anhörten und anschließend darüber diskutierten. Niemand konnte vorhersehen, dass sich daraus knapp zwei Jahre später eine Versöhnungszeremonie entwickeln würde, die eine Schlüsselfigur aus dem Prozess rückblickend mit den folgenden Worten beschreibt: „Die Veränderung ist jetzt sichtbar. Ich war damals sehr beunruhigt, dass der frische Konflikt und der Hass zwischen unseren Leuten der Beginn von neuer Gewalt sein würde. Jetzt aber haben wir Frieden.

Palästina: Raum für offene Diskussionen schaffen

Gewalt, in welcher Form auch immer, führt im israelisch-palästinensischen Konflikt meist zu Gegenreaktionen, die erfahrungsgemäß für die palästinensische Seite mit erheblich höheren Verlusten einhergehen. Die fortschreitende Besatzung durch Israel lässt immer weniger Spielräume für Palästinenser, in denen sich kreatives Denken entfalten kann, stattdessen nehmen Polarisierung und Radikalisierung auf beiden Seiten stetig zu. Im öffentlichen Leben nicht dem jeweiligen Narrativ nachzukommen und nicht gleichzeitig als Verräter bezeichnet zu werden, ist in der Realität des Konflikts nicht einfach. Wie die abnehmenden Begegnungen zwischen Vertretern beider Seiten, so verschwinden auch Plätze für Gedankenspiele, Reflexion und Selbstwahrnehmung, in denen unkonventionell ein Austausch über Zukunftsvisionen wachsen kann: Sei es der Kunstunterricht für Kinder in von Israel verwalteten Gebieten (C-Gebiete), Rap im Flüchtlingslager, oder Entspannungsübungen. An mehreren Orten in Palästina konnten in den vergangenen Jahren mit Unterstützung des ZFD geschützte Räume eingerichtet werden, in denen auch über Sinnlosigkeit von Gewaltstrategien und Hilflosigkeit diskutiert wird. Abseits von Konfrontation und Eskalation findet Wandel einen Platz, den eine plurale Gesellschaft benötigt, um nicht nur gegen eine Mauer gerichtet zu sein.

Erfolgreiche Krisenprävention ist kontextspezifisch, langfristig und flexibel

Was können wir aus diesen Beispielen lernen? Die Voraussetzungen und Faktoren für ein krisenpräventives Gelingen sind vielfältig. Die Fälle aus dem Libanon, Äthiopien und Palästina haben gemeinsam, dass sie sich kontextspezifisch an einem lokalen Engagement ausrichten. In allen Fällen unterstützen externe Fachkräfte beständig friedenspolitische Aktivitäten, die ohne ihre externe Rolle als Vernetzer und Vermittler nicht stattfinden würden. Zwischen dem lokalen Engagement und den Fachkräften besteht ein gemeinsames Verständnis, was die Analyse des Konfliktes und die Planung der Projekte betrifft. Wer frühzeitig und langfristig in zivile Konfliktbearbeitung und Friedensförderung investieren möchte, setzt auf die Kapazitäten vor Ort, die ohnehin Entwicklungsträger sind, und muss nicht im Nachhinein zerstörte Kapazitäten wieder aufbauen. Eine vierte Bedingung betrifft die Gebermodalitäten: Wie bereits Franziska Brantner und Peter Mares auf diesem Blog argumentieren, können nur prozessorientierte Projekte, denen es möglich ist, sich flexibel an die sich ändernden Umfeldbedingungen anzupassen, einen effektiven Beitrag zur Konflikttransformation leisten.

Umfassende Priorität für Friedensengagement: Evaluierung von Interventionen durch deutsche Friedensforschung

Nachdem 1999 das Buch von Mary Anderson „Do No Harm: How Aid Can Support Peace - or War“ erschien, bildete sich eine Forschungsgruppe, die bis heute Friedensprojekte auswertet, begleitet und Vorschläge für praxisorientierte Kriseninterventionen macht. Ein vergleichbares deutsches Engagement in der Friedensforschung würde mehr Gewissheit geben, wie Maßnahmen krisenpräventiv wirken – oder eben auch nicht. Bislang bleibt die PeaceLab2016-Debatte eher eine Ausnahme, wenn es um einen offenen Austausch darüber geht, wie Krisenintervention stattfinden kann. Ein verstärktes Zusammenspiel zwischen Friedensforschung, Friedenspraktikern und den Bundesressorts, die im Ausland tätig sind, könnte das Verständnis über zivile Konfliktbearbeitung, die Kohärenz und Konfliktsensitivität deutlich erhöhen. Damit und mit einem Ausbau des zivilen Engagements würde Deutschland den Primat des Zivilen in den internationalen Beziehungen unterstreichen und seiner Verantwortung als Friedensakteur nachkommen. Die Ausgestaltung und Umsetzung der Leitlinien wird eine politische Richtungsentscheidung anzeigen: Sie können von einem Bekenntnis zu mehr Friedenspolitik geprägt, oder von den Denkweisen einer Verteidigungsmacht durchsetzt sein.

Thomas Rößer war von 2008 bis 2014 als Fachkraft des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) in Ruanda, Palästina und Äthiopien tätig. Derzeit ist er Referent für den Nahen Osten und Afghanistan beim Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV).


Share Facebook Share Twitter Share Twitter

Sie sind herzlich eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen: teilen oder kommentieren Sie diesen Beitrag über Facebook, LinkedIn oder Twitter!