23. August 2016

Aus Erfahrung lernen: Transformationsprozesse als Lernprozesse verstehen

von Cornelia Brinkmann

Friedensförderung, Politikkohärenz , Partner , Evaluierung

Deutschland ist in ziviler Friedensförderung bereits gut aufgestellt, trotz Problemen bei Kohärenz, Koordination und Kooperation. Noch besser wäre es, Transformationsprozesse als Lernprozesse zu gestalten und die Erfahrungen der Friedensfachkräfte stärker zu berücksichtigen.

Die Erwartungen und Aufgaben an internationale Friedensfachkräfte und BeraterInnen bei der Begleitung von gesellschaftlichen und politischen Transformationsprozessen in fragilen Kontexten sind enorm gestiegen. In kurzer Zeit werden sichtbare, überprüfbare und nachhaltige Ergebnisse erwartet. Sie basieren zu oft auf Annahmen, die eher politischem Wunschdenken folgen und unzureichend belegt sind. Dies führt in der Praxis zu überhöhten Erwartungen an die Ergebnisse von Programmen und Projekten.

Zu selten wird berücksichtigt, dass Transformationsprozesse von den beteiligten Akteuren und Institutionen weitreichende individuelle, kollektive, strukturelle und kulturelle Lernprozesse abverlangen. Weiterhin wirken sich Veränderungen in der Regel auf existierende Machtstrukturen aus. All das ist unbequem, sogar gefährlich und kann daher Abwehrmechanismen auslösen. Solche Herausforderungen werden in vielen Fällen jedoch weder bei der Planung noch bei der Umsetzung ziviler Interventionen ausreichend mitgedacht. Die Leitlinien bieten die Gelegenheit, diesbezügliche Erfahrungen von zivilen Friedensfachkräften und PraktikerInnen in fragilen Kontexten stärker als bisher zu berücksichtigen

Deutsche Stärken

Mit dem Zivilen Friedensdienst, dem Förderprogramm zivik aber auch mit den politischen Stiftungen verfügt die Bundesregierung bereits über spezifische Institutionen bzw. Ansätze zur Förderung des zivilen Friedensengagements in fragilen Kontexten, die im internationalen Vergleich einmalig sind.

Ergänzt um die Qualifizierungsangebote des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze, der Akademie für Konflikttransformation und dem zunehmenden Angebot an Hochschulen in Themenfeldern der Friedensforschung ist die gesellschaftliche Fachkompetenz in der Zivilen Konfliktbearbeitung und Konflikttransformation enorm angewachsen. Diese Entwicklung profitiert auch von der Qualifizierung und Professionalisierung im Bereich der Mediation, die inzwischen in Deutschland bereits an den Schulen beginnt. Durch das Gesetz zur Förderung der Mediation und anderer Verfahren der außergerichtlichen Konfliktbeilegung ist sie seit 2012 formal verankert und wird als hilfreiches Verfahren der Konfliktbearbeitung gesellschaftlich und politisch breit akzeptiert.

Fehlende Kohärenz, mangelnde Koordination und unzureichende Kooperation

Neben den eben genannten Stärken weist das deutsche zivile Engagement einige Schwächen auf: Fehlende Kohärenz der Ansätze, mangelnde Koordination der Programme und unzureichende Kooperation zwischen den Akteuren und Institutionen. Diese Schwächen sind kein typisch deutsches sondern ein internationales Phänomen.

Für das zivile Friedensengagement ergeben sich daher schwer lösbare Dilemmata. Hier ein Beispiel: Die deutsche Regierung vertritt die Position, dass in Afghanistan Taliban bei Friedensverhandlungen berücksichtigt werden müssen. Afghanische zivile MultiplikatorInnen gehen davon aus, dass man mit Taliban nicht verhandeln kann. Sie fühlen sich durch die Position der deutschen Regierung verraten, denn mit ihrem mutigen und zivilen Engagement sind sie sichtbar und damit angreifbar geworden. Ihr Leben und ihre Arbeit werden durch diese Position gefährdet, so dass sie ein Verlassen des Landes erwägen. Daher sollte der geplante Leitlinienprozess sinnvolle und praktikable Antworten finden, um die Kohärenz, Koordination und Kooperation der deutschen Beiträge des zivilen Friedensengagements in fragilen Kontexten zu verbessern.

Ein weiteres Beispiel sind die Ergebnisse internationaler Geberkonferenzen. Deren äußerst ambitionierte Benchmarks werden von Kennern des konkreten Kontextes als kaum realisierbar eingeschätzt. Trotzdem werden umfangreiche Programme auf der Grundlage internationaler Konferenzen entwickelt und umgesetzt.

Sachkundig, realistisch und inklusiv planen

Um solche Dilemmata bei der konzeptionellen Planung zu vermeiden, wäre folgendes Vorgehen zu empfehlen:

  1. Sehr gute Kenntnisse des Partnerlandes einschließlich der Kenntnis von Ursachen, Verlauf und der beteiligten Akteure des Konfliktes.

  2. Politische Statements und Vereinbarungen sollten realistisch sein. Auch sollte ihre Wirkung auf ziviles konflikttransformatorisches Engagement im Partnerland berücksichtigt werden.

  3. Ein aufrichtiges Interesse von Seiten der Politik und Diplomatie wird benötigt, um zivilgesellschaftlichen Akteuren einen eigenständigen Gestaltungsspielraum einzuräumen.

Die Stärken und Schwächen der zivilen staatlichen und nicht-staatlichen Ansätze sind unterschiedlich. In ihrer Wechselwirkung können sie sich daher gegenseitig unterstützen, sie können komplementär ausgerichtet sein, sich neutralisieren oder sogar widersprechen. Durch Kohärenz, Koordination und Kooperation der deutschen Akteure sollten die Stärken der zivilen Ansätze wirksamer und effektiver aufeinander abgestimmt und Widersprüche der Ansätze minimiert werden. Die folgenden Empfehlungen leiten sich aus der Perspektive eines nicht-staatlichen Akteurs der Friedensförderung ab.

Transformationsprozesse als Lernprozesse gestalten

Ziviles Friedensengagement ist personalintensiv. Politische und gesellschaftliche Transformationsprozesse beruhen in der Regel auf Lernprozessen, die auch auf dauerhafte Änderungen der inneren Einstellungen und des Verhaltens abzielen.

Die Ansätze für Friedensförderung und Konflikttransformation werden bisher in hohem Maß nach politikwissenschaftlichen Kriterien bewertet. Damit lassen sich nur Teilaspekte der praktischen Erfahrungen mit transformativen Prozessen erfassen. Es wird empfohlen, Prozesse der Friedensförderung zukünftig stärker als Lernprozesse von Individuen und politischen und gesellschaftlichen Institutionen zu betrachten und aus interdisziplinärer Perspektive zu beurteilen. Die Erfahrungen von Friedensfachkräften und Akteuren mit ähnlichem Aufgabenprofil aus der Praxis Ziviler Konfliktbearbeitung sollten daher stärker als bisher dokumentiert und sichtbar gemacht werden:

  • Die Dokumentation von Erfahrungen sollte so angelegt werden, dass sie sensible Akteure und Aktivitäten schützt, statt sie potentiell zu gefährden.

  • Es sollten einfache und praktikable Monitoring- und Evaluationsinstrumente entwickelt werden.

  • Die Evaluationen auch von kleineren Projekten sollten nach ein, drei und fünf Jahren erfolgen; auch sollten Selbstevaluationsmechanismen zugelassen werden. Erst durch vertiefte Kenntnisse von mittel- und langfristigen Wirkungszusammenhängen lassen sich Ansätze der Zivilen Konfliktbearbeitung optimieren und nachhaltiger gestalten.

  • Die Expertise von PraktikerInnen der Zivilen Konfliktbearbeitung sollte bei der Planung von zivilen Interventionen in politische Entscheidungsprozesse einfließen.

  • Die Bereitschaft und Offenheit von AkteurInnen und Institutionen, aus Fehlern zu lernen, sollte gefördert werden. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Erfahrungsaustausch und Fehlerreflexion in geschützten Räumen erfolgen sollte.

  • Praktische Erfahrungen der Friedensförderung sollten für die Öffentlichkeitsarbeit aufgearbeitet werden.

Menschen dort abholen, wo sie sind

Interventionen der Zivilen Konfliktbearbeitung werden erst durch eine Vielzahl von Akteuren, Institutionen und Handlungsansätzen eine transformatorische Wirkung erzielen. Voraussetzung wird sein, dass sich diese Ansätze in ihrer Wirkung gegenseitig konstruktiv ergänzen und verstärken. Hierbei sollten die Bedürfnisse, Interessen und Potentiale der Bevölkerung nach Konflikttransformation und Friedensförderung noch stärker berücksichtigt werden.

Aus diesen Gründen sollten die bisher vorliegenden Ansätze der Kontext- und Konfliktanalysen durch psychosoziale, soziale und kulturelle Faktoren ergänzt werden. Weiterhin sollten Maßnahmen so geplant werden, dass neben der Konfliktsensibilität auch die zivilen Friedenspotentiale als vom Konflikt unabhängige Faktoren stärker berücksichtigt werden. Letztlich sind Lernprozesse nur dann erfolgreich, wenn die Menschen dort abgeholt werden, wo sie sind.

Cornelia Brinkmann ist Geschäftsführerin von Steps for Peace - Institut für Peacebuilding gGmbH. Seit 2000 arbeitet sie als Friedenspolitische Beraterin und hat seit 2005 als Friedensfachkraft, Trainerin und Evaluatorin umfassende Afghanistan-Erfahrung gewonnen. Davor war sie für den Aufbau des Projektes zivik/Institut für Auslandsbeziehungen und 1992 – 2000 als Referentin der Heinrich-Böll-Stiftung tätig. In dieser Zeit wirkte sie an der Gründung des Forums Ziviler Friedensdienst mit und war in den Aufbaujahren Mitglied im Vorstand.


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