05. Oktober 2016

Eine verlorene Generation? Warum sich Investitionen in die Jugend lohnen

von Christoph Abels

Friedensförderung, Stabilisierung, Entwicklungszusammenarbeit , Jugend in Konflikten

Jungen Menschen kommt eine entscheidende Rolle bei der Schaffung eines nachhaltigen Friedens zu. Die Leitlinien sollten daher konkrete Maßnahmen aufzeigen, wie Jugendlichen eine Zukunft und Stimme gegeben werden kann – sowohl hier als auch in Krisengebieten. Nicht zuletzt weil Jugendliche, die ihre Lebensperspektiven verloren haben, anfälliger für Extremismus sind.

Vor mehr als 20 Jahren berichtete die damalige UN Sonderbeauftragte für Kinder und bewaffnete Konflikte, Graça Machel, vor der UN-Generalversammlung über die zunehmende Gewalt gegenüber Kindern in Kriegsgebieten. Schon damals betonte sie den Bedeutungsverlust, der mit der Zerstörung des sozialen Umfelds von Kindern einhergeht. Der Bericht stellt fest:

"Nicht nur wird eine große Anzahl an Kindern getötet oder verletzt, unzählige weitere wachsen beraubt aller materiellen und sozialen Bedürfnisse auf, inklusive der Struktur, die ihrem kulturellem und sozialen Leben Bedeutung verleiht. Das gesamte Fundament ihrer Gesellschaft – Häuser, Schulen, Gesundheitssystem und religiöse Institutionen – ist zertrümmert."

Auch heute werden die fundamentalen menschlichen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in zahllosen Krisen- und Konfliktgebieten nicht befriedigt. Syrien ist dafür ein trauriges Beispiel. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zufolge hat das Land nahezu vier Jahrzehnte menschlicher Entwicklung verloren. Annährend 12 Millionen Menschen in Syrien wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Mindestens 470.000 wurden getötet. Fast 3 Millionen Kinder gehen nicht länger zur Schule. Die Arbeitslosigkeit ist auf 50 Prozent gestiegen. Die Situation in Syrien kann schon jetzt als die schlimmste humanitäre Krise des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden und noch gibt es keine Anzeichen für Besserung. Dadurch sind auch die Lebenspläne vieler junger Menschen massiv beeinträchtigt. Ihre Ziele und Perspektiven sind begraben unter den Ruinen ihrer Häuser und Städte.

Sozioökonomische Perspektivlosigkeit

Menschen wollen sich selbst entfalten. Häufig ist es der eigene Beruf, der dabei als Plattform genutzt wird. Bewaffnete Konflikte hinterlassen jedoch regelmäßig eine zerstörte Wirtschaft, die gerade für junge Menschen keine Zukunft bietet. Diese fehlende sozioökonomische Perspektive sorgt dafür, dass der Jugend die Grundlage genommen wird, um auf ein selbstbestimmtes Leben hinzuarbeiten.

Die wirtschaftlichen Folgen von Krieg und Zerstörung nehmen damit große Bereiche der zukünftigen Leben vieler Kinder und Jugendlicher ein, ohne dass sich diese in der Lage sehen, aus eigener Kraft eine positive Änderung herbeizuführen. Angesichts der scheinbar unüberwindbaren Hürden fühlen sie sich dieser Perspektivlosigkeit ausgeliefert.

Bedeutungsverlust als Nährboden für Radikalisierung

In einer jüngeren Studie von Arie W. Kruglanski und anderen wurde gezeigt, dass das Streben nach Bedeutung, definiert als das Bedürfnis nach Kompetenzerleben und Verbundenheit, ein wesentlicher Teil menschlicher Motivation und damit auch ein wichtiger Radikalisierungsfaktor ist. Nicht nur die sozioökonomische Perspektivlosigkeit, sondern auch die in bewaffneten Konflikten regelmäßig erfahrene Erniedrigung, zum Beispiel in Form von Machtlosigkeit angesichts von Gewalt gegen sich selbst und andere oder sexuellen Missbrauch, verursacht ein Gefühl von Ohnmacht und persönlicher Bedeutungslosigkeit. Die Suche nach Bedeutung kann von extremistischen Gruppen für ihre Zwecke genutzt werden. In diesen Gruppen internalisieren junge Menschen Ideologien, die Gewalt als legitimes Mittel darstellen, um die Ziele der Gruppe zu erreichen.

Die gewaltsamen Handlungen, die als Folge der Ideologieübernahme ausgeführt werden, sollen den Jugendlichen einen Bedeutungszuwachs ermöglichen, indem sie zu Helden in den Augen ihrer Bezugsgruppe werden. Dies kann letztlich zu einer kompletten Selbstaufopferung führen, infolgedessen diese Jugendlichen sogar Selbstmordanschläge begehen.

Community-Integration als Erweiterung des Krisenmanagements

Der individuell erfahrene Bedeutungsverlust kann sich auch über die gesamte soziale Gruppe erstrecken, wenn sie ein neues Land betritt und dort weitläufig auf Misstrauen und Ablehnung trifft. Genau das passiert gerade in Europa, wo muslimische MigrantInnen einer zunehmenden „Islamophobie“ begegnen. Diese Bedrohung oder gar Verletzung ihrer sozialen Identität, die eine Suche nach Bedeutsamkeit auslösen kann, kann von gewaltsamen extremistischen Gruppen ausgenutzt werden.

Daher muss eine umfassende Krisenmanagementstrategie auch den Bedürfnissen der Flüchtlinge in Europa Rechnung tragen. Die aufnehmenden Länder müssen dahingehend angewiesen werden, wie sie wachsender Islamophobie angemessen und effektiv entgegentreten können. Insbesondere die Jugend muss schnellstmöglich in das Schulsystem integriert werden und Sprachunterricht erhalten, damit sie ihre eigenen Ziele verfolgen kann.

Entsprechend muss Krisenmanagement auch in den Köpfen hier stattfinden, durch eine Verhinderung der Marginalisierung und einer Förderung der Integration der jungen Bevölkerung in ihre Umgebung.

Stichwort capacity building: Schul- und Ausbildung als Grundlage für Friedensförderung

Der Aktionsplan „Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung“ von 2004 war bisher der handlungsleitende Rahmen für die Umsetzung von Transformations- und Friedensprozessen in konfliktgeplagten Regionen. Der Jugend als Faktor einer nachhaltigen Konfliktprävention wurde darin jedoch kaum Platz eingeräumt. Dabei sind es gerade die jüngeren Generationen, die sich jetzt und in Zukunft für eine friedliche Konfliktlösung einsetzen müssen. Dafür müssen die unmittelbaren Folgen, die jungen Menschen die Lebensperspektiven rauben, beseitigt sowie der Jugend die Möglichkeit zur Mitgestaltung ihrer Umwelt eingeräumt werden.

Die handlungsleitende Idee muss dabei capacity building lauten: Junge Menschen müssen in die Lage versetzt werden, eigenständig ihre Communities wiederaufzubauen, um dabei das Gefühl von Kompetenz und Autonomie zu erfahren.

Eine schulische und später berufliche Ausbildung sind dafür wichtige Aspekte. Schulbildung legt die Grundlage für das weitere Leben vieler Jugendlicher. Konsequenterweise muss Krisenmanagement den Wiederaufbau eines funktionierenden Schulsystems gewährleisten, zum Beispiel direkt in Flüchtlingslagern, in denen ein Großteil der betroffenen Menschen lebt. Gelingt es, solche Situationen zu schaffen, können diese Beziehungen eine Gesellschaft langfristig resilienter gegenüber Radikalisierungstendenzen machen.

Jugendlichen helfen, positive Veränderungen zu bewirken

Das capacity building darf sich jedoch nicht nur auf die Ausbildung beschränken. Vielmehr müssen junge Menschen in die Lage versetzt werden, sich aktiv für positive Veränderung in ihren Communities einsetzen zu können. Beispielsweise in Trainingsprogrammen für aufstrebende JournalistInnen, die ihrer Generation eine Stimme verleihen oder Förderprogrammen zur politischen Bildung, die Interesse und Kompetenzen für zivilgesellschaftliche Aktivitäten fördern.

Denn auch das Engagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen, z. B. Parteien oder Nichtregierungsorganisationen, die sich für den (Wieder-)Aufbau der rechtstaatlichen Ordnung, einer nachhaltigen Wirtschaft und funktionierender politischer Strukturen einsetzen, ist ein entscheidender Faktor im Kompetenzaufbau junger Menschen. Die aktive Beteiligung der Jugend in der Gestaltung ihrer politischen und sozialen Umwelt kann Sinn stiften und ihr gleichzeitig den Wert und die Bedeutung demokratischer Entscheidungsstrukturen vor Augen führen. Darüber hinaus wirkt ein erfolgreiches zivilgesellschaftliches Engagement dem Gefühl der Ohnmacht entgegen, dem sich die Jugend angesichts scheinbar unveränderlicher Lebensumstände ausgesetzt sieht. Die Partizipation junger Menschen in der Politikgestaltung, insbesondere in Bildung, Arbeit und Sozialem, sollte daher ein grundlegender Bestandteil der zivilen Krisenprävention werden.

Fazit: Investitionen in die Jugend lohnen sich!

Regierungen auf der ganzen Welt müssen Strategien entwickeln, um der Radikalisierung der Jugend zu begegnen, die von gewaltsamen Konflikten betroffen sind. Bestehende Konflikte zu bekämpfen reicht dafür nicht aus. Eine nachhaltige Strategie muss den verlorenen Perspektiven junger Menschen Rechnung tragen und ihnen neue eröffnen. Entsprechend sollten die Leitlinien spezifische Maßnahmen enthalten, um Lebenskrisen junger Menschen vorzubeugen. Dies kann zum einen durch eine schnelle Wiedereingliederung in ein funktionierendes Schul- und Ausbildungssystem geschehen und zum anderen über die Einbindung in politische Entscheidungsfindungsprozesse.

Wie bereits im Aktionsplan von 2004 beschrieben, ist Krisenprävention immer auch Terrorismusprävention und sollte möglichst lange vor dem Ausbruch von Gewalt ansetzen.  Die Vermittlung von Bedeutung ist dabei ein relevanter Faktor. Ignoriert man diesen, erzeugt der Teufelskreis der Radikalisierung eine verlorene Generation, die jegliche Bemühungen um Frieden in krisengeschüttelten Region auf der Welt zunichtemacht.

Christoph Abels ist Masterstudent an der Hertie School of Governance und als Vorstandsmitglied bei Polis180 für Fundraising zuständig.


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